Markenarchitektur in der Nachbarschaft: Ein Weihnachtssystem?

Wer durchs Münchner In-Quartier, denn so muss das heute heißen, stolziert, dem wird zumindest bei Sonnenschein schnell eine Eisdiele auffallen, oder er wird dort hingeschickt. Es ist die Gelateria „Jessas“. Für Nicht-dem-Bayerischen-Mächtige: Jesus (verwendet als Ausruf). So weit so gut.

Um die Ecke ist aber ein Lokal, das „Maria“. Und die Maria, die war zuallererst da. Ist ja auch logisch. Zwischen Jesus und Maria steht aber noch jemand. Für mit christlichem Gedankengut Vertraute auch nicht allzu schwer zu erraten: Das muss der Josef sein. Und da haben wir schon die genüssliche Trinität: Jessas, Maria und Josef. Wieder der Rückgriff aufs Bayerische um etwas besser zu erklären. Hierbei handelt es sich um einen traditionellen bayerischen Ausspruch oder eher Ausruf. In München ist das Wissen darum allerdings sicher schon fast völlig verloren gegangenen. Denn in Berlin gibt es wahrscheinlich mehr Bayerisch sprechende Menschen als in München. Aber das führt zu weit.

Schluss mit der Anekdote: Der Besitzer der drei Etablissements und Createur des Namenssystems bzw. der Markenarchitektur hat hier seiner persönlichen Affinität zum Bayerischen, zum Biblischen und seinem Leben klar Ausdruck verschafft. Denn er ist Pfarrgemeinderat in der benachbarten Kirche St. Maximilian, der coolsten Gemeinde in München mit dem prominentesten Pfarrer (Deutschlands?), der sogar auf dem Oktoberfest Maßkrüge schleppt. Aber das führt wieder zu weit.

Produktnamen zum Staunen: Die knochenlose Ente, oder – was bedeutet „Koch Rausch“?

Dem „Einkauf aktuell“ liegen immer sehr informative Prospekte bei. Letztes Wochenende war auch einer vom Hit dabei, der in der Sektion „Wild- und Saisongeflügel“ auf faszinierende Produkte verwies: „Koch Rausch Gefüllte Ente“ und „Koch Rausch Gefüllte Gans“.

Die Schreibung machte mich neugierig. Worum ging es hier? Um eine Firma mit Namen „Koch Rausch“, so ähnlich wie DaimlerChrysler, aber eben nicht zusammengeschrieben? Eine Subbrand „Rausch“ unter der Dachmarke „Koch“? Oder ein Koch mit Namen „Rausch“?

Natürlich half das Internet gleich weiter. Die beiden gefüllten Geflügel, die übrigens in kompletter Form, allerdings ohne Knochen (bis auf Bein und Flügel), geliefert werden, stammen eigentlich von der Marke „Kochrausch“. Das Logo ist allerdings so gehalten, dass die beiden Bestandteile sehr eigenständig auftreten, ganz so, als hätten sie sich gerade getroffen.

So eine falsche Getrenntschreibung kann leicht passieren, und für die Prospektmacher von Hit ist es sicher nicht einfach zu durchschauen, wo die früher vertraute Zusammenschreibung noch angewandt werden darf, wenn z.B. eine Senfsoße als „Senf Sosse“ verkauft wird, oder Gewürzgurken als „Gewürz Gurken“. Und dann gibt es natürlich auch noch den Mittelweg, den z.B. McCain geht, indem es sein Produkt einfach mit dem Produktnamen „Kroketten-Fest“ vermarktet. Was einen schon fast wieder an eine krokettenfeste Gans denken lässt …

Zeitschriftentitel „Fräulein“ – darf man das?

Was für eine Nachricht! Eine Zeitschrift, die sich traut, einen deutschen Namen neu am Markt einzuführen. Wir sind geplättet – und gespannt, wie die Zeitschrift ankommen wird. Aber die Chancen, diesen mittlerweile für viele Menschen wertfreien und assoziationsarmen Begriff mit neuem Saft zu füllen, die sollten nicht schlecht stehen.

Für die, die ihn kennen, schwingen faszinierend viele Assoziationen bei „Fräulein“ mit, und die anderen können ja mittels des Zeitschriftinhalts den Wortinhalt neu erlernen. Wir wünschen viel Erfolg, auch und gerade mit diesem Zeitschriftennamen!

Sehr bemerkenswert auch der Titel einer Geschwisterzeitschrift aus dem gleichen Verlag: „Anorak“. Eine Kinderzeitschrift. Herzig. Auch so ein Wort, für das man schon fast einen Waffenschein braucht. Eigentlich in echtes „Nicht-Gehen“. Hut ab! Wir schauen nach Berlin. Anorak klingt ja nicht nur sehr fremd, es ist ja wirklich von sehr weit her entlehnt: Ursprung ist eine Eskimosprache, die das Wort an eine Fülle von Sprachen lizenziert hat, z.B. auch an das Englische, das Italienische und das Französische.

Naming bei Zugnamen in Österreich – Werbeworte statt Orte

Immer wieder beim Besuch im Nachbarland Österreich fällt einem Erstaunliches auf. Zum Beispiel die Produktnamen von Telering sind wirklich denkwürdig und wären in der deutschen Mobilfunkwüste eine wahre Oase. Es gibt aber auch erstaunliche im Sinne von „eigenartige“ Beispiele für kommerzielles Naming. Konkret: Wer erinnert sich noch an die Umbenennung der deutschen Züge? Plötzlich hieß Heinrich Mercator nicht mehr Heinrich Mercator, sondern Günzburg. So ähnlich wie bei der Lufthansa, die war wohl das Vorbild. In Österreich haben die Züge auch Namen. Richtig denkwürdige Namen, die wohl in einem Verkaufs- oder Auktionsverfahren ermittelt werden. Beispiele gefällig? Here we go:

ÖBB IC 542 Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang
ÖBB IC 515 AFS Austauschprogramme
PBB IC 732 Kelag Energie Express
ÖBB IC 691 Bildungsmessen.at
ÖBB EC 536 Jacques Lemans
ÖBB EC 790 Hermann Gmeiner
ÖBB EC 531 Stadttheater Klagenfurt
ÖBB IC 693 betriebliche-altersvorsorge.at

Die Bandbreite ist also groß: von SOS Kinderdorfgründern über Uhrenmarken bis zu Skigebieten und Websites ist alles möglich. Andere, wie der ÖBB IC 534 haben keinen Namen, da steht dann halt nix.

Eine lustige Sache. Da könnte die Deutsche Bahn sich noch eine Scheibe abschneiden. Ich weiß allerdings nicht, in welchem Turnus die Namen vergeben werden bzw. gültig sind. Wahrscheinlich ist es einfach so wie bei den deutschen Fußballstadien.

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