Unter falscher Flagge

Was macht man, wenn sich etwas nicht verkauft? Klassischerweise könnte man das Produkt einstellen. Oder ändern und verbessern. Es gibt aber Märkte, da macht eine Umbenennung viel mehr Sinn. Nicht Supermärkte klassischer Art, aber so ähnlich: Medienmärkte.

Auf das Phänomen gestoßen bin ich letzten Herbst, als ich nach Filmen mit Alexandra Maria Lara suchte. Statt in imdb zu suchen, wählte ich den Convenience-Weg und schaute einfach bei Amazon nach. Dort stieß ich auf einen Film, den ich noch nicht kannte: nullachtfuffzehn – Tausche Kleinstadt gegen Kiez. Etwas nichtssagend, aber vielleicht ganz nett. Doch in diesem Fall waren die Kommentare tatsächlich für was gut. Ein Nutzer wies darauf hin, dass dies einfach der umgelabelte Cowgirl Film von 2004 war. Den kannte ich bereits. Und mir war auch klar, warum er nicht mehr unter dem Namen vertrieben wurde. Stichwort verbrannte Erde.

Beim weiteren Recherchieren stellte sich schnell heraus, dass das Umlabeln, also Umbenennen von Filmen, geläufige Praxis ist im Spielfilmbereich. Je mehr man sucht, desto mehr findet man. Es gibt ganze Listensammlungen mit Ursprungs- und Neutiteln. Ich rede hier nicht von Filmen, die im amerikanischen Original anders heißen als auf Deutsch. Ich rede von Filmen, deren deutsche Veröffentlichung einfach umbenannt wird.

Ein weiterer Beispielfilm ist „Wie bekomme ich schwierige Frauen ins Bett“ (ja, der ist genau so, wie der Titel klingt). Der Amazonnutzer toddywarez hat sich die Mühe gemacht, eine Liste zusammenzustellen mit mehr als 250 für die Vermarktung umbenannten Filmen (und dabei sind sicher keine wie „Forrest Gump“ oder „Einer flog übers Kuckucksnest“ …). Wer Lust hat, kann sich die Liste in einer Rezension anschauen. Um den Mechanismus zu illustrieren, habe ich ein paar davon rausgesucht:

  • Beretta’s Island → One Man Weapon – Keiner kann ihn stoppen
  • Bloody Birthday → Bloody Bikini Massacre
  • Coffin → Lebendig begraben → Paranormal Dead Cult
  • Cornered (FSK16) → Saw Executioner (FSK18)
  • Days Of The Dead 3 → Zombie Evilution
  • Der Exorzismus der Anneliese M. → Exorzismus
  • Ein Trauzeuge zum Verlieben → Ran an die Braut
  • End Of The Line → Descent Into Hell
  • Garden Of Love → Born Undead
  • Horrors Of War → Nazi Zombies
  • Hebt die Titanic → Rettet die Titanic
  • Memorial Day → War Nation
  • Parasomnia → Dreams Of The Sleepwalker → Das Dornröschen-Massaker
  • Penny Serenade → Akkorde der Liebe → Erinnerungen der Liebe
  • Rakete zum Mond → Ziel Mond
  • So angelt man sich eine Frau → Wie bekomme ich schwierige Frauen ins Bett
  • Spezialeinheit Ostfront → World War II Inferno
  • The Reeds → Blood Swamp
  • Unlucky Monkey → Auch Yakuza können Flüchten
  • Warbirds – Drachen des Todes → Mega-Raptor Vs. Humans
  • Zombies → Carlton Mine

Ausgangslage ist also ein Film (B oder C oder D), der sich nicht (mehr) gut verkauft, und deshalb im Titel an den Zeitgeschmack, Moden oder Trends (oder bekannte Filme) angelehnt wird. Voila, fertig ist der neue Film.

Und damit wird auch klar, warum das Thema hier im Blog aufgegriffen wird: Umbenennen und Verkaufen durch Namensänderung passen genau rein, auch wenn wir uns bei den Filmen selbst wohl auf leicht abschüssigem Terrain bewegen …

 

Rollen und Titel haben Bedeutung – was Titel mit (aus) Projektteilnehmern machen

Vielen Dank an Matthias Lachmann, den ich vor 15 Jahren im Marketingclub München kennengelernt habe, für seinen Gastbeitrag in meinem Blog. Er zeigt anschaulich wie die Rollenbezeichnungen von Mitarbeitern die tatsächliche Zusammenarbeit beeinflussen – und wie man durch ihre Veränderung die Effizienz steigern kann.

Wer in der agilen Softwareentwicklung tätig ist, kennt die Begriffe Produktmanager und Product Owner. Die Aufgaben der Rollen werden oft unterschiedlich verstanden. Trotz allem gibt es einen kleinsten, gemeinsamen Nenner. Dieser ist gelernt oder auch sozialisiert. Man könnte sagen, die Begriffe sind mit Bedeutung aufgeladen.

Wikipedia schreibt über den Produktmanager:
„Der Produktmanager trägt die unternehmerische Verantwortung für seine Produkte, folglich kann er auch als Subunternehmer bezeichnet werden. Damit besteht der Anspruch, dass der Produktmanager der Produkt-Markt-Experte auf seinem Gebiet ist, d.h. die Person im Unternehmen ist, die ihre Produkte und die entsprechenden Märkte am besten kennt. Er hat das Ziel, seine Produkte zum Erfolg zu führen.“

Wikipedia schreibt über den Product Owner:
„Der Product Owner ist für die Eigenschaften und den wirtschaftlichen Erfolg des Produkts verantwortlich. Er gestaltet das Produkt mit dem Ziel, seinen Nutzen zu maximieren. (…) Er erstellt, priorisiert und erläutert die zu entwickelnden Produkteigenschaften, und er urteilt darüber, welche Eigenschaften am Ende eines Sprints fertiggestellt wurden. Er ist eine Person, kein Komitee. Ihm allein obliegt die Entscheidung über das Produkt, seine Eigenschaften und die Reihenfolge der Implementierung. So balanciert er Eigenschaften, Auslieferungszeitpunkte und Kosten.“

Schon beim ersten Lesen ist zu erkennen, dass es hier massive Überschneidungen in den Aufgaben gibt. Trotz allem gibt es viele Unternehmen, in denen es sowohl Produktmanager als auch Product Owner gibt. Dies geschieht besonders häufig, wenn die Business-Seite in einer Linienorganisation steckt, während die Softwareentwicklung agile zum Beispiel nach SCRUM arbeitet.

Bei meinem letzten Arbeitgeber verfolgten wir auch das Ziel uns zu einer agilen Organisation zu entwickeln. Wir machten komplexe Software für die Immobilienwirtschaft und stellten dabei schnell fest: ein Mensch ist nicht in der Lage die Komplexität der Software, die Anforderungen der Technik und die Wirtschaftlichkeit im Einklang zu halten. Wir starteten das Experiment mit einem Produktteam aus einer Triade von drei Rollen, die gleichberechtigt agieren:

  • Die erste Rolle war der Produktmanager. Er verantwortete die Marktsicht und hatte die fachliche Verantwortung.
  • Die zweite Rolle war der Product Owner. Er verantwortete Operations (die Herstellung), führte das Backlog und überwachte Time & Budget.
  • Die dritte Rolle war der Software-Architect. Er verantwortete die Architektur, Entwicklungsmethodik und überwachte die Einhaltung der technischen Strategie.

Alle drei zusammen hatten die Verantwortung, Kundennutzen, Technik/Umsetzung und die Wirtschaftlichkeit im Gleichklang zu halten. Entscheidungen mussten immer im Konsens getroffen werden. Über die Rahmenbedingungen und die Arbeitsweisen der Produkttriade kann ich an dieser Stelle nicht berichten, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Das Modell basiert auf einem freiheitlichen Menschenbild, bei dem es vor allem darauf ankommt die Fähigkeiten des anderen zu respektieren. Die Grundlage ist zudem eine gemeinsame Vision und Identifikation mit dem Produkt.

Das Team fing sofort an sich in seine Aufgaben zu finden und hatte auch viel Spaß an der neuen Verantwortung und Freiheit jedes einzelnen. Beim Rest der Organisation sah das etwas anders aus. Auf der Führungsebene diskutierten wir viel über Verantwortlichkeiten und Aufgaben. Dabei stritten wir uns immer wieder gerne über die Rollenkonflikte von Produktmanager (PM) und Product Owner (PO) – da beide Menschen in unterschiedlichen Linien angesiedelt waren. Der PO war Teil des Bereiches Operations und verstand sich als Auftragnehmer während der PM im Bereich Business angesiedelt war, der als Auftraggeber fungierte. Kurz und knapp: der PM stand für das „Was“, der PO für das „Wie“.

Nach einem spannenden Gespräch mit dem Direktor E-Commerce Innovation & Plattform, von Otto.de war mir plötzlich klar warum wir uns so in Streitigkeiten rund um Begrifflichkeiten verloren haben. Das Dreierteam, die Produkt-Triade, ist in Wirklichkeit gemeinsam der Product Owner. Damit hatte ich allerdings ein Namensproblem, war doch der Product Owner Teil der Triade. Die Tatsache, dass ich den Begriff Product Owner wörtlich genommen und die gelernten Aufgaben des PO auf das Team übertragen hatte, führte dazu, dass ich die Mitglieder aufgrund unterschiedlicher Fähigkeiten und Fokussierungen neu benennen musste. Ich machte also einen Vorschlag zur Umbenennung der Rollen:

  • Der Produktmanager wurde zum Business-Designer
  • Der Product Owner wurde zum Production Leader
  • Der Software-Architect wurde zum Technical Designer

Damit hatte ich neue Rollenbezeichnungen, die wir selbst weiter mit Bedeutung aufladen konnten. So ist der Business Designer von der Haltung ein Design Thinker und verantwortet die Kunden-/ Marktperspektive. Er bezieht Marketing, Vertrieb und Consulting mit ein – und er führt den Business Case.
In der Rolle des Production Leaders müssen Entwicklungserfahrung und Ausbildung eines Scrum Masters vereint werden. Er übernimmt die Aufgaben eines Teammanagers/-Coach. Er bezieht Support und Requirements Engineering mit ein – und er führt das Backlog.
Der Technical Designer hat die Aufgabe die Technologiestrategie in die Systemarchitektur einzubringen und muss den Komplex „Sicherheit“ mit einbeziehen.

Und siehe da… Die Diskussionen über Rollenkonflikte wurden schwächer und gingen in Besprechungen der sachlichen Differenzen über. Aber vor allem war jedem klar, was die Aufgabe der Produkttriade war. Seit ich sie als Product Owner bezeichnet hatte, war der Begriff schon stark mit Bedeutung aufgeladen worden.

Leider musste ich auch feststellen, dass die Einführung neuer Rollen nicht so einfach ist wie es vielleicht klingt. Die neuen Begriffe mit Leben zu füllen, also mit Bedeutung aufzuladen, erfordert viel Überzeugungsarbeit – aber vor allem das Vorleben der Rollen durch die Rollenträger. Das können sie aber nur, wenn sie genau verstehen warum sie das tun, welche Freiräume sie haben und woran sie gemessen werden. Hier fällt es vor allem dem Top Management schwer von unpassenden, aber gelernten Metriken abzulassen. Aber auch dabei können neue Bezeichnungen helfen: so wird beispielsweise der Produktmanager am Umsatz gemessen, ein Product Owner sollte an Qualität und Rendite gemessen werden. Habe ich keinen Produktmanager mehr, fehlt die absolute Fixierung an Umsatz.

Nach über einem Jahr im Einsatz bleibt festzuhalten, dass die Triade erfolgreich zusammenarbeitet und es im Unternehmen keinen Dissens mehr über die Aufgaben und Rollen des Teams gibt. Inzwischen wird versucht das Arbeitsmodell auch auf die anderen Produkte im Unternehmen zu übertragen, um die Organisation von der Linienorganisation in eine agile Produktorganisation zu transformieren.

Matthias Lachmann

Capri Sonne wird Capri Sun – hilft ja nix

Wer kennt sie nicht, die sagenumwobene Capri Sonne? Viele durften sie nicht wie Wasser zu Hause trinken, sondern bekamen sie nur auf Schulausflüge mit, als besonderen und praktischen Proviant. Das kleine Getränk ist schon seit rund 50 Jahren unter dem Namen, der noch die deutsche Urlaubsleidenschaft der Nachkriegszeit atmet, auf dem Markt.

Nun ist es so weit. Die Neuzeit hält Einzug. Eine der letzten Bastionen des Deutschen Produktnamings (haha, Deutsch, klar) fällt. Die Capri Sonne heißt ab 2017 global Capri Sun. Und wer den ersten Stein werfen möchte, sollte über sein eigenes Sprachverhalten nachdenken. Wenn das nicht reicht zum Beruhigen, einfach mal erinnern, wie oft er / sie in letzter Zeit Capri Sonne gekauft hat. Oder sich überlegen welche Einsparungen die Deutschen Sisi-Werke damit einfahren und dabei nur noch wundern, warum sie die Umbenennung nicht schon vor 10 Jahren durchgezogen haben …

Don’t look back in anger:

Capri Sonne Range

Neuer Name für ??? – die Feldnüsse

Da soll noch einer sagen mit deutschen beschreibenden Begriffen könne man nix machen. Ich hatte ja schon über Foidhendln berichtet und über andere mehr oder weniger verschleiernde Begriffe in der Kulinarik, aber nun ist mir etwas Bemerkenswertes im Biomarkt untergekommen: Feldnüsse.

Feldnüsse kennt man so natürlich nicht, aber sie klingen bodenständig und naturnah, fast wild. Außerdem sind Nüsse ja per se hochwertig. Kurioserweise handelt es sich bei den Feldnüssen um Sojabohnen, wie es im englischsprachigen, kleingeschriebenen Untertitel auch heißt. Vielleicht verkaufen sie sich so ja besser.

Sojabohnen verkauft als Feldnüsse

 

Neue deutsche Pullis entdeckt

Mancher weiß schon, dass ich ein Freund der deutschen Sprache bin. Als ich auf neue deutsche Pullibezeichnungen stieß, war ich erst einmal recht überrascht. Ich finde, man muss die Namen ein wenig sacken lassen, und man sollte Ihnen ein wenig Zeit geben um zu wirken, Zeit um mit Ihnen vertraut zu werden. Wovon ich spreche? Von:

1. Fransenhülle

2. Schalkragenhülle

Letztlich lassen mich die beiden Begriffe etwas ratlos zurück. Ich finde sie nicht besonders schön, eher leicht irritierend, und, wie gesagt, gewöhnungsbedürftig. Immerhin hat sich jemand Gedanken gemacht, auch wenn ich „Hülle“ nicht den schmiegendsten Begriff überhaupt finde. Hüllen sind ja nicht dafür bekannt besonders kuschlig zu sein. Aber man muss bedenken: erst mal was Besseres finden. Sicher interessant in diesem Zusammenhang ist der Begriff „Softshell“, der ja in Deutschland verwendet wird. Auch der wäre eine schicke Herausforderung für jeden Namenmacher.

Damit das Verhältnis der Namen zum Produkt etwas klarer wird, hier die Abbildungen der beiden (neuen) Kleidungsstücke aus dem Prospekt von Konen, der diese innovativen Begriffe herausgebracht hat:

Fransenhuelle
Fransenhuelle
Schalkragenhuelle
Schalkragenhuelle

Mal sehen, ob die neuen Begriffe sich durchsetzen. Mutig ist der Schritt auf jeden Fall.

 

Winter, so geht das nicht. Eine Umbenennung.

Hier im Süden der Republik gibt es einige Wehmut und auch Trauer darüber, was aus dem guten alten Winter geworden ist. Wie schön war das doch früher – überall Schnee, ein Leben auf dem Schlitten, mit Skiern ins Bett, Dauereislauf auf dem Chiemsee. Das ist jetzt alles anders, der Januar erinnert eher an einen Herling oder Frübst, die Pflanzen werden noch ganz verrückt und das weiße Wiesel hat ein Problem. Da muss was gemacht werden – der Winter bekommt jetzt eine neue Version. Hier die Liste der populärsten:

Winter 2.0 Neue Version, neue Bugs
Winter Update Das nächste Update macht alles besser
Winter Light 70% weniger Schnee, 50% weniger Kälte
Winter remixed Mit total innovativen Einflüssen von Herbst und Frühling
Winter plus Der bessere Winter – mit noch weniger Kälte
Winter minus Klingt kalt, aber wir ziehen die Kälte ab
Smart Winter Genau so kalt, dass die S-Bahn noch fahren kann
Winter Pro Klingt leider nach mehr, als es letztlich ist
Winter Basic Ein Mal Schnee – das muss reichen

 

Als Erinnerungshilfe zum Winter Classic, den es sonst nur im Kopf gibt:

Fahrrad im Schnee