Pi-hsien Chen: Mitteilungen vom unteilbaren Werk

Der Name „Mitteilungen vom unteilbaren Werk“ steht für eine Sammlung von sechs CDs, die bei Telos Music erschienen sind. Kuratorin, Künstlerin und Interpretin in einem ist Pi-hsien Chen. Rätselhaft wirkt dieser Titel – das zweimal vorkommende Element „teil“ trägt dazu bei, die klangliche Analogie zu „von unschätzbarem Wert“ ebenso. Vor allem aber wirkt seine spontane inhaltliche Unzugänglichkeit.

Pianistin Pi-hsien Chen am Flügel im Museum
© Telos Music

Pi-hsien Chen widmet sich als Pianistin einer großen Bandbreite der Klaviermusik – von Bach bis Stockhausen und Boulez. Die SZ-Kritik (übrigens euphorisch) führt zum Titel der Box nur an, er stehe „fürs Prinzip ganzheitlichen Hörens“. Ich finde das etwas unbefriedigend, denn die Box vereint Bachs Kunst der Fuge, Schönbergs Klavierwerk, sowie Stücke von Scarlatti, Mozart und Schubert. Wo ist da die Ganzheitlichkeit?

Nimmt man den Titel „Mitteilungen vom unteilbaren Werk“ wörtlich, so erhält man ein Werk, das eben nicht aufgeteilt werden kann. Das aber vom Interpreten mit dem  Publikum geteilt werden kann und das uns Inhalte und Gefühle vermittelt. Alle zusammengefassten Stücke ergeben also ein Ganzes, das zum Hörer spricht. Wobei man hier eine Einschränkung machen muss: Alle 6 CDs der Box sind natürlich nicht ein unteilbares Ganzes. Die einzelnen, auf jeweilige Teil-Gesamtwirkung zusammengestellten CDs und Konzerte dagegen schon.* Dies scheint auch die Erfahrung gewesen zu sein, die die Hörer bei den Konzerten zu den Aufnahmen machten. Doch was spricht das Werk zum Zuhörer? „Mitteilungen“ hat ja tatsächlich starken Sendercharakter, viel klarer als z.B. „Botschaften“, das die Rezipientenperspektive enthält.

Also fragte ich bei der Künstlerin selbst nach. Pi-hsien Chen gab mir sehr freundlich dazu Auskunft:

„Die Werke der Komponisten sollen ungeteilt beiben, nicht auseinandergerissen, denn einzelne Stücke eines Werkzyklusses beziehen sich z.B. aufeinander und führen nur im Ganzen – ungeteilt – zu einer Hörerfahrung, die eben das Ganze erlebbar macht. Und so kann das Werk tatsächlich zum Zuhörer sprechen.“

Cover der CD-Box  mit dem Titel Mitteilungen vom unteilbaren Werk
© Telos Music

Hier wird deutlich, dass der Titel der CD-Box weniger Beschreibung oder  Marketinggag, als vielmehr eine Philosophie ist. Dass er ein Wahrnehmungsprinzip, aber auch ein Wiedergabeprinzip der Musik reflektiert, und damit die Haltung und persönliche Herangehensweise der Pianistin. Geradezu prototypisch kann man das bei einer anderen CD von Pi-hsien Chen wahrnehmen – Schönberg Works for Piano – wo sie den letztlichen Stücken die Entwürfe und Skizzen dazu zur Seite stellt (allerdings unter einem sehr einfachen und klaren CD-Titel). Natürlich wird diese Herangehensweise nie die Klassik-Charts erobern, und der Box-Titel wird auch nur bei einer recht kleinen Minderheit für Erstaunen, Freude und Interesse sorgen. Dennoch und gerade deshalb Danke dafür.

* Inhaltlich eine Spur treffender wäre für die Gesamtbox wohl der Titel „Mitteilungen von unteilbaren Werken“ gewesen – doch wie liest sich das denn? Korrektheit und Logik resultieren nicht automatisch in Schönheit und Eleganz.